Sommerkirche

Juni 16, 2026

Sommerkirche mit Paul Gerhardt

Herzliche Einladung zu unserer diesjährigen Sommerkirche! In diesem Jahr blicken wir auf ein besonderes Gedenken: Vor genau 350 Jahren verstarb Paul Gerhardt. Seine Lieder aber sind lebendiger denn je und begleiten uns durch die Jahrhunderte.

Paul Gerhardt verstand es wie kaum ein anderer, das schwere Schicksal seiner Zeit – geprägt vom Dreißigjährigen Krieg und herben persönlichen Verlusten – in hoffnungsvolle Verse zu verwandeln. Anlässlich seines Jubiläumsjahres widmen wir uns in sieben Gottesdiensten den „biographischen Ankerpunkten“ (Hier eine Darstellung seines Lebens) dieses bedeutenden Dichters und Theologen.

Begleiten Sie uns jeweils sonntags um 18 Uhr auf einer musikalisch-spirituellen Reise durch sein Werk. Im Anschluss laden wir zu einem gemütlichen Beisammensein ein.

Die Termine

Datum Thema Pastor
05.07. um 18 Uhr „Geh aus mein Herz und suche Freud“ (EG 503) – Schöpfung P. Burkhardt
12.07. um 18 Uhr „Befiehl du deine Wege“ (EG 361) – Vertrauen P. Burkhardt
19.07. um 18 Uhr „Die güldene Sonne“ (EG 449) – Dankbarkeit P. Burkhardt
26.07. um 18 Uhr „Du meine Seele, singe“ (EG 302) – Lobpreis P. Martins
02.08. um 18 Uhr „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324) – Gott  P. Martins
09.08. um 18 Uhr „Nun ruhen alle Wälder“ (EG 477) – Geborgenheit P. Pferdmenges
16.08. um 18 Uhr „Ist Gott für mich“ (EG 351) – Gewissheit P. Martins

Geh aus, mein Herz, und suche Freud – EG 503

Das bekannteste Lied von Paul Ger­hardt (1607–1676) wurde 1653 in Berlin ver­öffent­licht. Es ist kein Lied von einer heilen Welt. Es erzählt von Hoff­nung in unserer verletzten und verletzlichen Welt. Und es hat damit auch für uns heute eine wertvolle Botschaft. Ich lade Sie ein zu einer Zeitreise in die Mitte des 17. Jahr­hun­derts. So wie heute war es damals auch eine ver­rückte Zeit. Wir be­fin­den uns 1653 auf der Höhe des Barock.

In Santa Maria della Vittoria in Rom hatte im Jahr zuvor Bernini die Heilige Teresia aus Carrara­marmor gemeißelt. Ludwig XIV. war 1653 frisch volljährig. Als „Sonnen­könig“ wird er der absolu­tis­ti­sche Herrscher werden. New York er­hält 1653 das Stadtrecht. Aber bis 1664 hieß es noch „Neu-Amster­dam.“ Für die Nieder­lande ist es das „Goldene Zeit­alter.“ Auf der anderen Seite des Kanals herrscht Oliver Cromwell mit harter Hand, löst das Parlament auf und nennt sich „Lord-Protektor.“

In Leipzig in Kur­sachsen erscheint seit wenigen Jahren die weltweit erste Ta­ges­zei­tung. Ich stelle mir vor, Paul Ger­hardt hat manchmal eine Aus­gabe aus seinem Heimatland in die Hand bekommen, darin ge­blät­tert, Nachrichten aus Paris und Lon­don, Warschau und Wien verfolgt.

In Gräfenheinichen in der Nähe von Wittenberg war Paul Gerhardt nämlich ge­bo­ren worden, in Kursachsen.

Dresden war die Residenzstadt dieses Kurfürstentums. Dort wirkt als Hof­kapellmeister Heinrich Schütz, 1653 bereits im hohen Alter, und darf nicht in den Ruhestand. Er macht einfach zu schön Musik.

Der Barock war ein Zeitalter der Reli­gion, in dem Religionsfreiheit aber noch nicht existierte. Deswegen waren die Puri­ta­ner 1620 nach Amerika aus­ge­wandert – einer der Gründungs­mythen der USA datiert ins 17. Jahr­hun­dert. Der mit religiösem Pathos aufgeladene Dreißigjährige Krieg hatte Deutschland anhaltend verwüstet. Als nur ein trauriger Höhepunkt war 1631 Magde­burg ge­schleift worden.

Paul Gerhardt hat die Folgen dieses Krieges vielerorts erlebt. Seine Geburtsstadt wurde 1937 verwüstet, da war er schon zum Studi­um nach Wittenberg ge­zo­gen, wo er auf viele Flüchtlinge traf. Als er 1642 nach Berlin kam, war die Bevölkerung dort durch Hunger und Seuchen nahezu halbiert. Der schreckliche Begleiter des Krieges war nämlich die Pest. Der Barock war auch ein Zeitalter des Todes.

Wie umgehen mit dieser verrückten Welt? Mit der Schöpfung, in die wir gestellt sind? Wo ist die Freude in so einer Sommerszeit?

Eine Antwort des Barock: In Luxus und Verschwendung. Nach dem Motto: „Jetzt gilt es!“ Anders betont das „memento mori“ eine Bewegung, die „Vanitas“ (Ver­gäng­lich­­keit) ins Bewusstsein holt. Pessimistisch mutet Hugo Grotius‘ Gedicht von den „Eitelkeiten“ an:

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind
wird spielen mit den Herden.
Was jetzt noch prächtig blüht,
soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt,
ist morgen Asch’ und Bein,
Nichts ist, das ewig sei,
kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an,
bald donnern die Beschwerden. […]

Manche flüchten sich in Religion. Die „Christliche Seelen-Arzney“ bietet Ge­bete für jeden Tag und Anlass, auch Trostegebete angesichts von Tod und Pesti­lenz. Reli­giöse Erbauungsliteratur erlebt ihre Blüte im 17. Jahrhundert. Die lutherische Orthodoxie verspricht innere Festig­keit mit der Besinnung auf die richtigen Glaubenswerte, wendet sich gleichzeitig mit Uner­bitt­lichkeit gegen religiöse Vielfalt.

Das hat Paul Gerhardt geprägt.

Aber es ist 1653 ein guter Sommer für ihn, als er in Mittenwalde als Pastor und Probst tätig ist. Ein Aufatmen nach schweren Jahren. Mit dem Berliner Kantor und Kompo­nis­ten Johann Krüger verbindet ihn eine Freundschaft und dieser verlegt zahlreiche Lieddichtungen Gerhardts. Gerhardt ist glücklich verlobt und wird in die gehobene Gesellschaft Berlins ein­hei­ra­ten, in die Familie, wo er als Hauslehrer tätig gewesen war.

Also hat Paul Gerhardt unser Lied gedichtet:

1) Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerszeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

Das Sommerlied preist die Schönheit der Schöpfung und das Leben. Die Na­tur­strophen 1–7 schildern die Welt im Horizont der biblischen Über­lie­fe­rung. Mit altbekannten Tieren der Bibel (Taube, Hirsch, Schaf, Bienen, …), mit dem Verweis auf die Elemente des Abendmahls, Weinstock und Weizen als Grundlage für das Brot.

Für Gerhardt ist klar: diese Welt ist von Gott geschaffen. Vielleicht genau des­wegen lautet sein Rat: Hinaus in die Natur, hinein in Gottes Welt.

Ich möchte dem Dichter beipflichten. Das Hineintauchen in die Fülle des Le­bens ist heilsam und wohltuend. Nicht das Versinken in Prunk. Oder in der Leere einer pessi­mis­tischen Haltung. Sondern das Hinaus­gehen und ein­tau­chen in diese Welt, in der neben all dem Bösen und Falschen, trotz ihrer Ver­rücktheit, auch so viel Schönes und Gutes be­ste­hen, was dieses Leben wert­voll macht. Augen auf! Nicht nur auf den Ärger und Fehler – die sind so­wie­so da und der Winter kommt früh ge­nug –, sondern auf Ge­lin­gen, auf Dank­barkeit und Freude. Wo wir dieser Fülle begeg­nen, ist in dieser Welt die Gegen­wart Gottes spürbar.

Das künstlerische „Ich“ in Strophe 8 kann dann nicht anders, als in Lob ein­zustimmen:

8) Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

Dann wendet das Lied den Blick mit den Strophen 9–11 auf das Jenseits. Das Leben in dieser Welt ist verbunden mit einer christ­li­chen Hoffnung: Das Beste kommt erst noch!

9) Ach, denk ich, bist du hier so schön
und lässt du’s uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden:
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden!

Das Hoffen auf die neue Schöpfung ist aber keine Weltflucht, die den Fluch dieser Zeit erst im Jenseits aufgehoben sieht. Es ist kein Vertrösten angesichts der Schwere unserer Welt oder weil Gerhardt in irdischen Gütern nur „Eitel­keiten“ – auch dafür stehen Nar­ziss und Tulpen aus der zweiten Stro­phe Pate – er­ken­nt. Die Hoff­nung auf das Jenseits mindert nicht die Schön­heit dieser Welt, die Gott ge­schaf­fen hat.

Diese Hoffnung verkleinert auch nicht die Verant­wor­tung in diesem Leben. Denn die Strophen 12–15 ver­deut­li­chen: mit dem Aus­blick auf eine para­die­sische Wirk­lich­keit ist die Aufgabe ver­bun­den, dem Segen Gottes in allen Be­langen, nach­zuspüren: Hier und dort, an diesem und an allem Ort, früh und spat. Diese Welt braucht Men­schen, die nicht nur über die Nach­rich­ten von der Dunkelheit reden, son­dern mit­ten in dieser verrückten Zeit die Spuren der neuen Schöpfung sehen.

Gottes Zukunft beginnt nicht irgend­wann, sondern heute, mitten unter uns. Der Himmel leuchtet auf die Erde. Und die ist keine heile Welt. Aber eine Schöp­­fung, in der neben Angst auch Mut regiert, neben Schmerz und Ver­letz­ung Heilung geschieht, neben Trau­er und Verlust auch Trost sich seinen Platz erkämpft und Zukunft besteht.

Diese Vorstellung ist ver­bun­den mit dem Gebet, dass das das eigene Leben gedeiht. Dass es nicht erst im Jenseits blüht, sondern im hier und jetzt wächst, reift, sich verwandelt. Weil wir selbst ein Teil dieser wunderbaren Schöpfung sind, und auch in unserem Leben der Himmel leuchtet. Als eine Blume voller Schönheit, als ein Baum, den ein Sturm zwar schütteln aber nicht umwerfen kann. Dann wird aus dem Sommerlied ein Lebenslied.

14) Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

Lübeck im Sommer 2026, Ruben Burkhardt

Bernini, Die Verzückung der Heiligen Theresa, 1652.
Hyacinthe Rigaud, Porträt Ludwig IV., 1701.
Robert Walker, Gemälde Oliver Cromwell, ca. 1649.
Matthäus Merian, Stadtansicht Wittenberg, 1650.
Christoph Spätner, Porträt Heinrich Schütz, 1660.
Gerhart Altzenbach, Römischer Pest-Doctor, 1656.
Adam Willaerts, Die Pilger, ca. 1620.
Pieter Meulener, DIe Belagerung Magdeburgs, 1650.
Pieter Claesz, Vanitas Stilleben, 1632.
Pieter Boel, Großes Vanitas Stilleben, 1663.
Peter Paul Rubens, Landschaft mit dem Regenbogen, ca. 1636.

Befiehl du deine Wege – EG 361

Der Dichter Theodor Fontane kennt sich nicht nur mit Obstbäumen im Havelland aus. Als Fremdenführer und literarische Reisebegleiter will er auch den Besuch in Mittenwalde schmackhaft machen und preist die dort entstandene Dichtung Paul Gerhardts, lobt über Schillers „Ode an die Freude“ als ein „größeres Lied an die Freude […] das große deutsche Tröstelied ‚Befiehl du deine Wege.‘“

Fontane verortet die Entstehung des Liedes als Antwort auf Anfeindungen und den schweren Schicksalsschlag – den Verlust der neugeborenen Tochter –, über den Paul Gerhardts Frau tief betrübt war, und schreibt:

Paul Gerhardt selbst aber, in jener Freudigkeit der Seele, wie sie das Vorgefühl eines nahen Sieges und endlicher Erhörung leiht, schlug seine Bibel auf und las die Worte des Psalmisten: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn: er wird’s wohl machen“. Und einem Funken gleich fiel das Wort in seine Brust. Er mußte freier aufatmen, die Stube ward ihm zu eng, und auf- und abschreitend in den Gängen des alten Propsteigartens, entquollen ihm die ersten Strophen zu jenem großen Trostes- und Vertrauensliede: „Befiehl du deine Wege“. Bewegt aber auch erhoben ging er in das Haus zurück, empfand er sich doch als Träger einer Botschaft, der kein Herz widerstehen könne. Und siehe da, an der schwermütigen Stimmung seiner Frau erprobte das Lied zum ersten Male seine wunderbare Kraft. Alles Leid floß hin in Tränen, alle Trübsal wurde Licht… [Theodor Fontane, Spreeland. Wanderungen durch die Mark Brandenburg.]

Ganz so kann die Szene nicht stattgefunden haben. Das dichterische Lustwandeln im Garten muss mindestens vier Jahre vor dem Kindstod passiert sein, denn wie auch „Geh aus mein Herz“ wurde „Befiehl du deine Wege“ 1653 in der fünften Gesangbuchausgabe Johann Crügers veröffentlicht. Es ist ein Tröstelied. Es ist ein Wegelied, das von der Reise durch das Leben erzählt. Es ist ein Vertrauenslied.

Wie viele Lieder Paul Gerhardts hat dasjenige, um welches es heute geht, viele Strophen. Wir müssen sie auch alle singen, denn erst in Gänze ergeben die Versbeginne als Akrostichon die Worte des Titelgebenden 37. Psalms: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.“

Das braucht uns nicht schrecken, denn wir müssen das Lied nicht immer nur in der bewährten Weise singen – verhalten und ernst in der alten Kirchentonart. Das eingängige Reimschema passt auf eine Vielzahl von Melodien (EG 523 haben wir schon kennengelernt), kurzweilige Abwechslung ist also möglich:

  • EG 11 „Wie soll ich dich empfangen“
  • EG 302 „Du meine Seele singe“
  • „Nun will der Lenz und grüßen“
  • 136 „O komm du Geist der Wahrheit“

Ich stelle mir vor, der Psalm und die Botschaft des Liedes haben Gerhardt durch sein ganzes Leben hindurch in Hochzeiten genauso wie an Tiefpunkten Kraft gegeben, Mut eingeflößt, Trost gespendet. Mit unterschiedlichen Melodien, mit der immer gleichen Wahrheit.

Jetzt hören wir die Strophen 7-8 in einem Chorsatz, nach einer Melodie von Johann Michael Haydn.

Als ein Wanderer im Glauben schrieb Paul Gerhardt Wegelieder. Wie auch „Geh aus, mein Herz“ ist „Befiehl du deine Wege“ ein Lied für die Reise des Lebens. Und verschweigt keineswegs: diese Reise ist nicht nur mit Freude gesegnet. Auch Schmerz und Hindernisse begegnen auf dem Weg und gehören zum Leben dazu.

Da ist es gut, wenn man nicht allein unterwegs ist.

Paul Gerhardt gibt heute die Stimme des Reisebegleiters und den Ratschlag: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.“

Du mit Ausrufezeichen! Der Ratschlag klingt wie ein Befehl.

Es ist zwar so, dass Ratschläge oft gut gemeint sind, aber als solche kaum ihre Kraft entfalten. Trost und Heilung können nicht verordnet werden. Für sie gibt es kein Patentrezept. Trost wird gelernt und entdeckt. Trost geschieht. Durch Zufall. Durch Gnade. Manchmal ganz überraschend und anders als gedacht wird er erfahren.

Mit Paul Gerhardt will ich aber nicht bei dieser Aporie stehen bleiben – Reden und Handeln hilft, neben Schweigen und Warten – sondern mit Interesse und Neugier auf sein Vorbild schauen, an seinem Erfahrungsschatz mich beleihen.

Denn hinter dem Befehl „Dem Herren musst du trauen“ steht ein erfahrenes Ich.

Paul Gerhardt gibt mit dem Ratschlag weiter, was ihm selbst Kraft gegeben hat und Mut zum Weiterleben. Paul Gerhardt schenkt mit dem Du sein Ich. Für ihn ist der Glaube an Gottes Fürsorge ein tragfähiges Lebensmuster. Und nur weil er das selbst erlebt hat, gibt er diesen Ratschlag weiter. Muss es aber auch – es wäre fahrlässig und selbstsüchtig, das anderen vorzuenthalten, was ihm selbst wertvoll geworden ist. Das Angebot der christlichen Tradition hält er also nicht fest, sondern präsentiert es uns. Wir müssen sehen, ob es für uns passt

Es ist das Angebot Jesu, der selbst am Kreuz gestorben ist, der das Leben in seiner Tiefe und Breite und Höhe kennt, der darum sagen kann: Ich bin vorausgegangen. Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Es ist das emphatische Ich Gottes, das sagt: Ich verstehe dich. Ich kenne deine Situation. Und ich stehe neben dir und halte dein Leben aus, bis du die Kraft findest, weiterzugehen.

Es ist das zuversichtliche Ich, das aus dem Erlebten Hoffnung für die Zukunft schöpft: Gott Regente kann selbst schwierige, steile, hindernisreiche Wege freimachen, einebnen, aufschütten, erleichtern.

Auch wenn du es selber nicht glaubst, auch wenn dein eigenes Leben gerade Kopf steht und du dich darin kaum zuhause fühlst, gilt die Wahrheit Gottes und wird sich dir eröffnen. Paul Gerhardt gibt in dem Lied weiter: „Die Beschwernis ist nicht aufgelöst, aber aufgehoben und getragen. Ich habe es erfahren.“

Auf der anderen Seite braucht das Du in dem Ratschlag ein selbstbewusstes Ich, das das Wort auch hört: Nun du!

Denn es liegt in der ganz eigenen Macht, sich zu einem Ratschlag zu verhalten, ihn anzunehmen, und für das eigene Leben zu nehmen. Der Gott der Psalmen sagt: Du hast dein eigenes Leben, mit eigenen Herausforderungen. Und auch wenn ich das Leben in seiner Tiefe kenne, stecke ich nicht in deinen Stiefeln. Ich bleibe an deiner Seite, aber du selbst wirst denn Weg gehen, auf dem meine Wahrheit für dich gilt: „Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht.“

„Befiehl du deine Wege“ ist ein Vertrauenslied. Das Vertrauen dieses Liedes ist aber kein passiver Akt, sondern aktives Zutrauen. Ein Zutrauen in Gottes Wirklichkeit, die sich im eigenen Leben erweist. Das ermutigt, als selbstbewusstes Ich eigene Schritte zu gehen.

Wenn ich „was mein Herze kränkt“ an Gott abgebe, werde ich damit nicht die Verantwortung für das eigene Leben los. Vertrauen und anbefehlen ist so gesehen kein bloßes Abwerfen von Ballast, bei dem ich etwas verliere. Sondern ein Loslassen, bei dem ich gewinne: Freiheit, nicht mich um alles sorgen zu müssen. Die Sorgen sind noch da, aber aufgehoben an Gottes Altar. Ich bekomme den Blick frei, indem ich ihn vom steilen Berg auf den Himmel richte, mit diesem Bild vor Augen neue Kraft gewinne, gehobenen Hauptes den Weg fortsetze. Mit vergrößertem Raum im Herzen, dass die Gegenwart Gottes die Dunkelheit erfüllt, manche Angst zwar bleibt, aber über ihr der Mut regiert, neben der Trauer auch Freude Platz nimmt, neben dem Zweifel Hoffnung und Zuversicht bestehen.

Wer den Trost erlebt, dass bei Gott die „Wege, und was das Herz kränkt“ gut aufgehoben sind, für den wird dieses Lied also in der Tat zu einer Ode an die Freude. Und nicht erst im Jenseits, sondern hier und heute.

Amen.

Singen wir die Strophen 9-12 nach der Melodie „O Haupt voll Blut und Wunden“. Die 10. Strophe befehlen wir dem Chor an.

Lübeck im Sommer 2026, Ruben Burkhardt

Published On: 16.06.2026Categories: Aus der Gemeinde2987 wordsViews: 263