
Sommerkirche mit Paul Gerhardt
Herzliche Einladung zu unserer diesjährigen Sommerkirche! In diesem Jahr blicken wir auf ein besonderes Gedenken: Vor genau 350 Jahren verstarb Paul Gerhardt. Seine Lieder aber sind lebendiger denn je und begleiten uns durch die Jahrhunderte.
Paul Gerhardt verstand es wie kaum ein anderer, das schwere Schicksal seiner Zeit – geprägt vom Dreißigjährigen Krieg und herben persönlichen Verlusten – in hoffnungsvolle Verse zu verwandeln. Anlässlich seines Jubiläumsjahres widmen wir uns in sieben Gottesdiensten den „biographischen Ankerpunkten“ (Hier eine Darstellung seines Lebens) dieses bedeutenden Dichters und Theologen.
Begleiten Sie uns jeweils sonntags um 18 Uhr auf einer musikalisch-spirituellen Reise durch sein Werk. Im Anschluss laden wir zu einem gemütlichen Beisammensein ein.
Die Termine
| Datum | Thema | Pastor |
|---|---|---|
| 05.07. um 18 Uhr | „Geh aus mein Herz und suche Freud“ (EG 503) – Schöpfung | P. Burkhardt |
| 12.07. um 18 Uhr | „Befiehl du deine Wege“ (EG 361) – Vertrauen | P. Burkhardt |
| 19.07. um 18 Uhr | „Die güldene Sonne“ (EG 449) – Dankbarkeit | P. Burkhardt |
| 26.07. um 18 Uhr | „Du meine Seele, singe“ (EG 302) – Lobpreis | P. Martins |
| 02.08. um 18 Uhr | „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324) – Gott | P. Martins |
| 09.08. um 18 Uhr | „Nun ruhen alle Wälder“ (EG 477) – Geborgenheit | P. Pferdmenges |
| 16.08. um 18 Uhr | „Ist Gott für mich“ (EG 351) – Gewissheit | P. Martins |
Geh aus, mein Herz, und suche Freud – EG 503
Das bekannteste Lied von Paul Gerhardt (1607–1676) wurde 1653 in Berlin veröffentlicht. Es ist kein Lied von einer heilen Welt. Es erzählt von Hoffnung in unserer verletzten und verletzlichen Welt. Und es hat damit auch für uns heute eine wertvolle Botschaft. Ich lade Sie ein zu einer Zeitreise in die Mitte des 17. Jahrhunderts. So wie heute war es damals auch eine verrückte Zeit. Wir befinden uns 1653 auf der Höhe des Barock.




In Santa Maria della Vittoria in Rom hatte im Jahr zuvor Bernini die Heilige Teresia aus Carraramarmor gemeißelt. Ludwig XIV. war 1653 frisch volljährig. Als „Sonnenkönig“ wird er der absolutistische Herrscher werden. New York erhält 1653 das Stadtrecht. Aber bis 1664 hieß es noch „Neu-Amsterdam.“ Für die Niederlande ist es das „Goldene Zeitalter.“ Auf der anderen Seite des Kanals herrscht Oliver Cromwell mit harter Hand, löst das Parlament auf und nennt sich „Lord-Protektor.“
In Leipzig in Kursachsen erscheint seit wenigen Jahren die weltweit erste Tageszeitung. Ich stelle mir vor, Paul Gerhardt hat manchmal eine Ausgabe aus seinem Heimatland in die Hand bekommen, darin geblättert, Nachrichten aus Paris und London, Warschau und Wien verfolgt.
In Gräfenheinichen in der Nähe von Wittenberg war Paul Gerhardt nämlich geboren worden, in Kursachsen.
Dresden war die Residenzstadt dieses Kurfürstentums. Dort wirkt als Hofkapellmeister Heinrich Schütz, 1653 bereits im hohen Alter, und darf nicht in den Ruhestand. Er macht einfach zu schön Musik.



Der Barock war ein Zeitalter der Religion, in dem Religionsfreiheit aber noch nicht existierte. Deswegen waren die Puritaner 1620 nach Amerika ausgewandert – einer der Gründungsmythen der USA datiert ins 17. Jahrhundert. Der mit religiösem Pathos aufgeladene Dreißigjährige Krieg hatte Deutschland anhaltend verwüstet. Als nur ein trauriger Höhepunkt war 1631 Magdeburg geschleift worden.
Paul Gerhardt hat die Folgen dieses Krieges vielerorts erlebt. Seine Geburtsstadt wurde 1937 verwüstet, da war er schon zum Studium nach Wittenberg gezogen, wo er auf viele Flüchtlinge traf. Als er 1642 nach Berlin kam, war die Bevölkerung dort durch Hunger und Seuchen nahezu halbiert. Der schreckliche Begleiter des Krieges war nämlich die Pest. Der Barock war auch ein Zeitalter des Todes.



Wie umgehen mit dieser verrückten Welt? Mit der Schöpfung, in die wir gestellt sind? Wo ist die Freude in so einer Sommerszeit?
Eine Antwort des Barock: In Luxus und Verschwendung. Nach dem Motto: „Jetzt gilt es!“ Anders betont das „memento mori“ eine Bewegung, die „Vanitas“ (Vergänglichkeit) ins Bewusstsein holt. Pessimistisch mutet Hugo Grotius‘ Gedicht von den „Eitelkeiten“ an:
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind
wird spielen mit den Herden.
Was jetzt noch prächtig blüht,
soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt,
ist morgen Asch’ und Bein,
Nichts ist, das ewig sei,
kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an,
bald donnern die Beschwerden. […]


Manche flüchten sich in Religion. Die „Christliche Seelen-Arzney“ bietet Gebete für jeden Tag und Anlass, auch Trostegebete angesichts von Tod und Pestilenz. Religiöse Erbauungsliteratur erlebt ihre Blüte im 17. Jahrhundert. Die lutherische Orthodoxie verspricht innere Festigkeit mit der Besinnung auf die richtigen Glaubenswerte, wendet sich gleichzeitig mit Unerbittlichkeit gegen religiöse Vielfalt.
Das hat Paul Gerhardt geprägt.
Aber es ist 1653 ein guter Sommer für ihn, als er in Mittenwalde als Pastor und Probst tätig ist. Ein Aufatmen nach schweren Jahren. Mit dem Berliner Kantor und Komponisten Johann Krüger verbindet ihn eine Freundschaft und dieser verlegt zahlreiche Lieddichtungen Gerhardts. Gerhardt ist glücklich verlobt und wird in die gehobene Gesellschaft Berlins einheiraten, in die Familie, wo er als Hauslehrer tätig gewesen war.

Also hat Paul Gerhardt unser Lied gedichtet:
1) Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerszeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.
Das Sommerlied preist die Schönheit der Schöpfung und das Leben. Die Naturstrophen 1–7 schildern die Welt im Horizont der biblischen Überlieferung. Mit altbekannten Tieren der Bibel (Taube, Hirsch, Schaf, Bienen, …), mit dem Verweis auf die Elemente des Abendmahls, Weinstock und Weizen als Grundlage für das Brot.
Für Gerhardt ist klar: diese Welt ist von Gott geschaffen. Vielleicht genau deswegen lautet sein Rat: Hinaus in die Natur, hinein in Gottes Welt.
Ich möchte dem Dichter beipflichten. Das Hineintauchen in die Fülle des Lebens ist heilsam und wohltuend. Nicht das Versinken in Prunk. Oder in der Leere einer pessimistischen Haltung. Sondern das Hinausgehen und eintauchen in diese Welt, in der neben all dem Bösen und Falschen, trotz ihrer Verrücktheit, auch so viel Schönes und Gutes bestehen, was dieses Leben wertvoll macht. Augen auf! Nicht nur auf den Ärger und Fehler – die sind sowieso da und der Winter kommt früh genug –, sondern auf Gelingen, auf Dankbarkeit und Freude. Wo wir dieser Fülle begegnen, ist in dieser Welt die Gegenwart Gottes spürbar.
Das künstlerische „Ich“ in Strophe 8 kann dann nicht anders, als in Lob einzustimmen:
8) Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.
Dann wendet das Lied den Blick mit den Strophen 9–11 auf das Jenseits. Das Leben in dieser Welt ist verbunden mit einer christlichen Hoffnung: Das Beste kommt erst noch!
9) Ach, denk ich, bist du hier so schön
und lässt du’s uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden:
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden!
Das Hoffen auf die neue Schöpfung ist aber keine Weltflucht, die den Fluch dieser Zeit erst im Jenseits aufgehoben sieht. Es ist kein Vertrösten angesichts der Schwere unserer Welt oder weil Gerhardt in irdischen Gütern nur „Eitelkeiten“ – auch dafür stehen Narziss und Tulpen aus der zweiten Strophe Pate – erkennt. Die Hoffnung auf das Jenseits mindert nicht die Schönheit dieser Welt, die Gott geschaffen hat.
Diese Hoffnung verkleinert auch nicht die Verantwortung in diesem Leben. Denn die Strophen 12–15 verdeutlichen: mit dem Ausblick auf eine paradiesische Wirklichkeit ist die Aufgabe verbunden, dem Segen Gottes in allen Belangen, nachzuspüren: Hier und dort, an diesem und an allem Ort, früh und spat. Diese Welt braucht Menschen, die nicht nur über die Nachrichten von der Dunkelheit reden, sondern mitten in dieser verrückten Zeit die Spuren der neuen Schöpfung sehen.
Gottes Zukunft beginnt nicht irgendwann, sondern heute, mitten unter uns. Der Himmel leuchtet auf die Erde. Und die ist keine heile Welt. Aber eine Schöpfung, in der neben Angst auch Mut regiert, neben Schmerz und Verletzung Heilung geschieht, neben Trauer und Verlust auch Trost sich seinen Platz erkämpft und Zukunft besteht.
Diese Vorstellung ist verbunden mit dem Gebet, dass das das eigene Leben gedeiht. Dass es nicht erst im Jenseits blüht, sondern im hier und jetzt wächst, reift, sich verwandelt. Weil wir selbst ein Teil dieser wunderbaren Schöpfung sind, und auch in unserem Leben der Himmel leuchtet. Als eine Blume voller Schönheit, als ein Baum, den ein Sturm zwar schütteln aber nicht umwerfen kann. Dann wird aus dem Sommerlied ein Lebenslied.
14) Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.
Lübeck im Sommer 2026, Ruben Burkhardt
Bernini, Die Verzückung der Heiligen Theresa, 1652.
Hyacinthe Rigaud, Porträt Ludwig IV., 1701.
Robert Walker, Gemälde Oliver Cromwell, ca. 1649.
Matthäus Merian, Stadtansicht Wittenberg, 1650.
Christoph Spätner, Porträt Heinrich Schütz, 1660.
Gerhart Altzenbach, Römischer Pest-Doctor, 1656.
Adam Willaerts, Die Pilger, ca. 1620.
Pieter Meulener, DIe Belagerung Magdeburgs, 1650.
Pieter Claesz, Vanitas Stilleben, 1632.
Pieter Boel, Großes Vanitas Stilleben, 1663.
Peter Paul Rubens, Landschaft mit dem Regenbogen, ca. 1636.
Befiehl du deine Wege – EG 361
Der Dichter Theodor Fontane kennt sich nicht nur mit Obstbäumen im Havelland aus. Als Fremdenführer und literarische Reisebegleiter will er auch den Besuch in Mittenwalde schmackhaft machen und preist die dort entstandene Dichtung Paul Gerhardts, lobt über Schillers „Ode an die Freude“ als ein „größeres Lied an die Freude […] das große deutsche Tröstelied ‚Befiehl du deine Wege.‘“
Fontane verortet die Entstehung des Liedes als Antwort auf Anfeindungen und den schweren Schicksalsschlag – den Verlust der neugeborenen Tochter –, über den Paul Gerhardts Frau tief betrübt war, und schreibt:
Paul Gerhardt selbst aber, in jener Freudigkeit der Seele, wie sie das Vorgefühl eines nahen Sieges und endlicher Erhörung leiht, schlug seine Bibel auf und las die Worte des Psalmisten: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn: er wird’s wohl machen“. Und einem Funken gleich fiel das Wort in seine Brust. Er mußte freier aufatmen, die Stube ward ihm zu eng, und auf- und abschreitend in den Gängen des alten Propsteigartens, entquollen ihm die ersten Strophen zu jenem großen Trostes- und Vertrauensliede: „Befiehl du deine Wege“. Bewegt aber auch erhoben ging er in das Haus zurück, empfand er sich doch als Träger einer Botschaft, der kein Herz widerstehen könne. Und siehe da, an der schwermütigen Stimmung seiner Frau erprobte das Lied zum ersten Male seine wunderbare Kraft. Alles Leid floß hin in Tränen, alle Trübsal wurde Licht… [Theodor Fontane, Spreeland. Wanderungen durch die Mark Brandenburg.]
Ganz so kann die Szene nicht stattgefunden haben. Das dichterische Lustwandeln im Garten muss mindestens vier Jahre vor dem Kindstod passiert sein, denn wie auch „Geh aus mein Herz“ wurde „Befiehl du deine Wege“ 1653 in der fünften Gesangbuchausgabe Johann Crügers veröffentlicht. Es ist ein Tröstelied. Es ist ein Wegelied, das von der Reise durch das Leben erzählt. Es ist ein Vertrauenslied.
Wie viele Lieder Paul Gerhardts hat dasjenige, um welches es heute geht, viele Strophen. Wir müssen sie auch alle singen, denn erst in Gänze ergeben die Versbeginne als Akrostichon die Worte des Titelgebenden 37. Psalms: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.“
Das braucht uns nicht schrecken, denn wir müssen das Lied nicht immer nur in der bewährten Weise singen – verhalten und ernst in der alten Kirchentonart. Das eingängige Reimschema passt auf eine Vielzahl von Melodien (EG 523 haben wir schon kennengelernt), kurzweilige Abwechslung ist also möglich:
- EG 11 „Wie soll ich dich empfangen“
- EG 302 „Du meine Seele singe“
- „Nun will der Lenz und grüßen“
- 136 „O komm du Geist der Wahrheit“
- …
Ich stelle mir vor, der Psalm und die Botschaft des Liedes haben Gerhardt durch sein ganzes Leben hindurch in Hochzeiten genauso wie an Tiefpunkten Kraft gegeben, Mut eingeflößt, Trost gespendet. Mit unterschiedlichen Melodien, mit der immer gleichen Wahrheit.
Jetzt hören wir die Strophen 7-8 in einem Chorsatz, nach einer Melodie von Johann Michael Haydn.
Als ein Wanderer im Glauben schrieb Paul Gerhardt Wegelieder. Wie auch „Geh aus, mein Herz“ ist „Befiehl du deine Wege“ ein Lied für die Reise des Lebens. Und verschweigt keineswegs: diese Reise ist nicht nur mit Freude gesegnet. Auch Schmerz und Hindernisse begegnen auf dem Weg und gehören zum Leben dazu.
Da ist es gut, wenn man nicht allein unterwegs ist.
Paul Gerhardt gibt heute die Stimme des Reisebegleiters und den Ratschlag: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.“
Du mit Ausrufezeichen! Der Ratschlag klingt wie ein Befehl.
Es ist zwar so, dass Ratschläge oft gut gemeint sind, aber als solche kaum ihre Kraft entfalten. Trost und Heilung können nicht verordnet werden. Für sie gibt es kein Patentrezept. Trost wird gelernt und entdeckt. Trost geschieht. Durch Zufall. Durch Gnade. Manchmal ganz überraschend und anders als gedacht wird er erfahren.
Mit Paul Gerhardt will ich aber nicht bei dieser Aporie stehen bleiben – Reden und Handeln hilft, neben Schweigen und Warten – sondern mit Interesse und Neugier auf sein Vorbild schauen, an seinem Erfahrungsschatz mich beleihen.
Denn hinter dem Befehl „Dem Herren musst du trauen“ steht ein erfahrenes Ich.
Paul Gerhardt gibt mit dem Ratschlag weiter, was ihm selbst Kraft gegeben hat und Mut zum Weiterleben. Paul Gerhardt schenkt mit dem Du sein Ich. Für ihn ist der Glaube an Gottes Fürsorge ein tragfähiges Lebensmuster. Und nur weil er das selbst erlebt hat, gibt er diesen Ratschlag weiter. Muss es aber auch – es wäre fahrlässig und selbstsüchtig, das anderen vorzuenthalten, was ihm selbst wertvoll geworden ist. Das Angebot der christlichen Tradition hält er also nicht fest, sondern präsentiert es uns. Wir müssen sehen, ob es für uns passt
Es ist das Angebot Jesu, der selbst am Kreuz gestorben ist, der das Leben in seiner Tiefe und Breite und Höhe kennt, der darum sagen kann: Ich bin vorausgegangen. Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Es ist das emphatische Ich Gottes, das sagt: Ich verstehe dich. Ich kenne deine Situation. Und ich stehe neben dir und halte dein Leben aus, bis du die Kraft findest, weiterzugehen.
Es ist das zuversichtliche Ich, das aus dem Erlebten Hoffnung für die Zukunft schöpft: Gott Regente kann selbst schwierige, steile, hindernisreiche Wege freimachen, einebnen, aufschütten, erleichtern.
Auch wenn du es selber nicht glaubst, auch wenn dein eigenes Leben gerade Kopf steht und du dich darin kaum zuhause fühlst, gilt die Wahrheit Gottes und wird sich dir eröffnen. Paul Gerhardt gibt in dem Lied weiter: „Die Beschwernis ist nicht aufgelöst, aber aufgehoben und getragen. Ich habe es erfahren.“
Auf der anderen Seite braucht das Du in dem Ratschlag ein selbstbewusstes Ich, das das Wort auch hört: Nun du!
Denn es liegt in der ganz eigenen Macht, sich zu einem Ratschlag zu verhalten, ihn anzunehmen, und für das eigene Leben zu nehmen. Der Gott der Psalmen sagt: Du hast dein eigenes Leben, mit eigenen Herausforderungen. Und auch wenn ich das Leben in seiner Tiefe kenne, stecke ich nicht in deinen Stiefeln. Ich bleibe an deiner Seite, aber du selbst wirst denn Weg gehen, auf dem meine Wahrheit für dich gilt: „Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht.“
„Befiehl du deine Wege“ ist ein Vertrauenslied. Das Vertrauen dieses Liedes ist aber kein passiver Akt, sondern aktives Zutrauen. Ein Zutrauen in Gottes Wirklichkeit, die sich im eigenen Leben erweist. Das ermutigt, als selbstbewusstes Ich eigene Schritte zu gehen.
Wenn ich „was mein Herze kränkt“ an Gott abgebe, werde ich damit nicht die Verantwortung für das eigene Leben los. Vertrauen und anbefehlen ist so gesehen kein bloßes Abwerfen von Ballast, bei dem ich etwas verliere. Sondern ein Loslassen, bei dem ich gewinne: Freiheit, nicht mich um alles sorgen zu müssen. Die Sorgen sind noch da, aber aufgehoben an Gottes Altar. Ich bekomme den Blick frei, indem ich ihn vom steilen Berg auf den Himmel richte, mit diesem Bild vor Augen neue Kraft gewinne, gehobenen Hauptes den Weg fortsetze. Mit vergrößertem Raum im Herzen, dass die Gegenwart Gottes die Dunkelheit erfüllt, manche Angst zwar bleibt, aber über ihr der Mut regiert, neben der Trauer auch Freude Platz nimmt, neben dem Zweifel Hoffnung und Zuversicht bestehen.
Wer den Trost erlebt, dass bei Gott die „Wege, und was das Herz kränkt“ gut aufgehoben sind, für den wird dieses Lied also in der Tat zu einer Ode an die Freude. Und nicht erst im Jenseits, sondern hier und heute.
Amen.
Singen wir die Strophen 9-12 nach der Melodie „O Haupt voll Blut und Wunden“. Die 10. Strophe befehlen wir dem Chor an.
Lübeck im Sommer 2026, Ruben Burkhardt











